Hotel Berlin, Berlin Jan-Patrick Krüger

Hotel Berlin, Berlin: Interview mit Jan-Patrick Krüger

© Hotel Berlin, Berlin

Mit seinen 60 Jahren ist das Hotel Berlin, Berlin ein Ur-Gestein in der Berliner Hotellerie – aber alles andere als eingestaubt. Unsere Autorin Friederike Hintze führte anlässlich des Jubiläums mit General Manager Jan-Patrick Krüger über innovative Ideen, neue Herausforderungen und wie man das „berlinerischste aller Berliner Hotels“ wird.

 

Herr Krüger, das Hotel Berlin, Berlin wird heute 60 Jahre alt: Was fühlen und denken Sie, wenn Sie zurückblicken?

Als ich vor etwas mehr als fünf Jahren bekannt gab, dass ich dieses Haus leiten werde, überraschten mich die Reaktionen der Leute. Viele erzählten mir von ihren persönlichen Geschichten. Ich hörte Dinge wie „Da haben wir sonntags immer Nudeln gegessen.“ oder „Da haben meine Eltern geheiratet.“ Viele verbinden mit dem Haus eine besondere Anekdote. Das Hotel Berlin, Berlin war das erste schicke Hotel im Berliner Westen mit dem ersten Fine Dining Restaurant. Kurzum: Das Haus ist Kult und hat eine spannende und vielseitige Entwicklung hinter sich. Das beeindruckt mich heute noch.

 

Trotz seiner 60 Jahre, ist das Hotel alles andere als eingestaubt: Wie schafft man es, mit immer wieder mit der Zeit zu gehen?

Man muss seine Mitarbeiter immer wieder sensibilisieren, die eigene Arbeit zu reflektieren: Ist eine Dienstleistung zeitgemäß und sinnvoll oder macht man etwas nur, weil man es in der Hotellerie eben so macht. Ich ermutige meine Mitarbeiter dazu, auch mal außerhalb des Hotellerie-Kosmos zu blicken und andere Branchen betrachtet: Warum ist Airbnb so erfolgreich? Warum ist Uber so gut? Warum sind Lieferservice so stark geworden? Wenn man sich solche Entwicklungen vergegenwärtigt, kann man das punktuell nutzen, um die eigene Industrie zu verbessern.

 

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen – wo geht es hin? Was sind die „Next Steps“?

Die kurzfristigen Ziele sind zum einen die Zimmerrenovierungen erfolgreich abzuschließen. 500 von 700 Zimmern werden seit vergangenem Jahr nach und nach renoviert. Mitte Juni 2017 soll diese Phase abgeschlossen sein. Dann wollen wir mit der Renovierung in den öffentlichen Bereichen und den Außenbereichen fortfahren. Alle anderen langfristigen Visionen und Pläne sind noch in einer jungfräulichen Phase. Aber so viel sei verraten: Unser Eigentümer, die Pandox-Gruppe, ist wild entschlossen, aus den bestehenden Möglichkeiten einiges zu machen.

 

Ein gutes Stichwort: Sie gehören wie einige andere Hotels in Deutschland zur schwedischen Pandox Gruppe, sind eines der größten Häuser der Stadt: Wie hält man da die Verbundenheit Gästen und Mitarbeitern gleichermaßen?

Da Pandox ein skandinavisches Unternehmen ist, färbt das natürlich auch auf unser Haus ab – und da gibt es viel Gutes, was man sich abschauen kann. Ich denke vor allem an das Thema Nachhaltigkeit: Das ist etwas, was die Skandinavier aus tiefster Überzeugung machen – und das hört nicht bei der Mülltrennung auf. Es geht auch darum, mit menschlichen Ressourcen fair und nachhaltig umzugehen: Sei es bei Mitarbeitern im Haus aber auch bei Lieferanten. Die unkomplizierte und unprätentiöse Art, diese persönliche Form der Gastfreundschaft der Skandinavier mit Menschen umzugehen, ermöglicht es einem, Gästen wie auch Mitarbeitern das Gefühl zu vermitteln, dass sie einzigartig sind.

 

Was sind die Eigenarten bei einem so großen Haus, wie das Hotel Berlin, Berlin es ist?

Wir haben fast 200 Mitarbeiter. Das ist besonders. Zwar haben wir eine geringe Fluktuation, trotzdem ist es immer wieder eine Herausforderung bei einem so großen Haus die richtigen Leute zu finden – für ein harmonisches Arbeiten und ein vernünftiges Miteinander. Wichtig bei einem großen Hotel ist mir auch das Thema Sicherheit. Da darf man nicht profitabilitätsgesteuert sein. Denn beim Thema Sicherheit gibt es keine Alternativen. Deswegen gibt es regelmäßig Trainings und Evakuierungsübungen. Denn wenn mal etwas passiert, ist der Gast dankbar, auf geschultes Personal zu treffen.

 

In den letzten 60 Jahren konnte sich das Hotel Berlin in einer sich wandelnden und wachsenden Stadt sehr gut behaupten: Wo sehen Sie neue Herausforderungen?

In einem wettbewerbsstarken Umfeld braucht man ein scharfes Profil und eine eindeutige Positionierung. Es genügt nicht, ein 4,5-Sterne-Hotel mit Tagungsmöglichkeiten zu sein. Wenn man sich einmal vergegenwärtigt, welche tollen Hotels derzeit eröffnen, dann sind das immer Häuser mit guten, klaren Konzepten. Ich lamentiere aber nicht, dass es in Berlin stetig mehr Hotels gibt – es kommen ja auch immer mehr Touristen in die Stadt. Und ich bin der Überzeugung, wenn man einen guten Job macht, kann man auch dauerhaft in diesem Umfeld erfolgreich sein.  

 

Wie genau sieht das Profil vom Hotel Berlin, Berlin dann aus?

Unsere Vision ist es, das berlinerischste aller Berliner Hotels zu sein – und wir sind auf dem Weg, dass diese Vision zur Realität wird. Wir wollen, dass der Name des Hotels noch mehr das Programm wird. Aber wenn man das berlinerischste aller Berliner Hotels sein möchte, dann kann man die Stadt nicht nur auf die Wiedervereinigung oder das Brandenburger Tor runterbrechen. Durch unsere Kettenunabhängigkeit haben wir die Möglichkeit, auch mal mutigere Dinge umzusetzen. So kooperieren wir beispielsweise mit Berliner Street Art Künstlern. Und wir geben unseren Gästen die Möglichkeit, Berlin aus dem Blickwinkel seiner Bewohner kennenzulernen. Wir mobilisieren Berliner dazu, als Gastgeber für einzelne Zimmer zu fungieren und von ihrem Kiez zu berichten: tolle Orte, besondere Restaurants und charismatische Menschen vorzustellen. Einfach davon zu berichten, was Berlin so einzigartig macht.

 

Sie spielen auf das Community Projekt You, Me and Berlin an, bei dem Berliner jeweils ein Zimmer mitgestalten, von ihren Geschichten erzählen und Insider-Tipps geben. Wie ist die Idee entstanden?

Diese Idee entstand gemeinschaftlich im Team. Man kennt unser Haus, wir haben eine Historie, aber viele denken, dass wir eingestaubt sind. Deswegen haben wir uns gefragt: Was macht uns besonders? Was können wir an Wert behalten und wo müssen wir anpacken? Wir wollten zeigen, dass wir jung, frisch und anders sind – und so ist es gekommen.

 

Viele Hotels stellen mittlerweile einen regionalen Bezug zu ihrem Standort her, sei es in der Kulinarik oder im Interieur: Wie heben Sie sich mit You, Me & Berlin noch einmal ab?  

Die meisten Hotels arbeiten themenorientiert. Sprich: Sie haben ein Thema als Fokus, sei es Berliner Mode oder Street Art. Wir aber bilden die gesamte Bandbreite der Berliner Vielseitigkeit ab. Wir machen uns die Mühe, 500 Charaktere zu finden, die Individuelles zu berichten haben. Das sind Menschen, die die Stadt repräsentieren: Von Akademikern, über Künstler bis hin zum BSR-Mitarbeiter, der sonntags um 13 Uhr gerne im Monbijoupark Tango tanzt. So erfahren unsere Gäste Dinge über Berlin, die nicht in jedem Reiseführer stehen. Und das macht unser Haus so einzigartig.

 

Wie war die Resonanz von den Berlinern?

Am Anfang war es etwas schleppend, wir haben ein wenig gebraucht, um das Projekt publik zu machen. In dem Moment, als wir eine breitere Öffentlichkeit erreicht hatten, wurde You, Me & Berlin zum Selbstläufer. Dabei ist es uns wichtig, eine Mischung an Menschen unterschiedlichster Couleur als Gastgeber zu haben.

 

Bei der Umgestaltung des Hotels haben alle Zimmer alte Eingangstüren Berliner Wohnungen als Designhighlight bekommen. Rund 1.200 an der Zahl. Wo findet man so viele Türen?

Da haben wir uns an zahlreiche Antiquitäten-Händler gewendet, die dann vielleicht 100 Türen im Repertoire hatten. Das war viel Arbeit. Uns war es wichtig, dass es sich wirklich um Berliner Türen handelt. Die wurden von uns aufgearbeitet, neu bemalt und so weiter. Manche sind abgestoßen, bei manchen fehlt der Beschlag – das macht die Türen so besonders. Jede ist ein Unikat.  

 

Wo liegen die Kosten für das Community-Projekt You, Me & Berlin? Wie haben Sie das finanziert?

Wir haben im Rahmen der Renovierung festgestellt: So schön eine Neugestaltung auch sein mag, wir brauchen auch ein Budget für eine clevere Vermarktung. Dafür finanziellen Raum zu schaffen, war von den Eigentümern sehr weitsichtig.

 

Wie reagieren die Gäste auf die von Berliner gestalteten Zimmern?

Wir haben ausschließlich tolle Rückmeldungen erhalten. Die Gäste schätzen die Individualität und mögen die persönliche Note. Immerhin schreiben die Hosts einen persönlichen Brief, sind mit einem Foto an der Wand vertreten. Viele Gäste erzählen uns dann nach ihrem Aufenthalt, dass sie beim nächsten Besuch in einem anderen Zimmer unterkommen wollen, um aufs Neue zu sehen, wie andere Berliner leben. Da wird eine Neugierde geweckt. Diese persönliche Note, kombiniert mit der hochwertigen Ausstattung, vom Bett bis zur Espresso-Maschine – das wird von unseren Gästen geschätzt.

 

Was fasziniert Sie persönlich an Berlin? Was bedeutet die Stadt für Sie?

Ich lebe hier sehr gerne, aber es hat etwa 1,5 Jahre gedauert, bis ich gänzlich angekommen bin. Ich war anfangs überrasch, wie viel sich im eigenen Kiez abspielt. Berlin ist so groß, dass ich mich immer nur in einem überschaubaren Radius aufhalte. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht aus dem Westen mal rauskommen: Ich fahre gerne nach Köpenick und schaue mir ein Spiel von Union Berlin an oder fahre zu den Gärten der Welt in Marzahn. Die Stadt hat so viel zu bieten und ist so facettenreich. Vor allem das kulturelle Angebot ist enorm. Damit meine ich nicht nur Oper und Theater, sondern auch tolle Flohmärkte oder künstlerische Initiativen. Und diese einzigartige Liberalität: Das ist, was die Stadt ausmacht. Berlin hat mich einiges in Sachen Liberalität gelehrt.

 

Widmen wir uns wieder dem Hotel. Jung, frech, frisch: Das sind die Attribute, mit denen man das Hotel Berlin, Berlin sicherlich beschreiben würde. Doch wie schlagen Sie die Brücke wiederum zu Geschäftsleuten?

Es gibt jede Menge Geschäftsleute, die bereits am Samstag anreisen, bevor dann Montag die Konferenz ist. Oder sie hängen nach ihrem Business-Trip noch ein paar freie Tage in Berlin dran. Man spricht dann von „Bleisure“ – einer Kombination aus Business und Leisure. Natürlich haben Geschäftsleute ein paar Ansprüche: Sei es ein gutes, konstante und kostenfreies WLAN oder ein Schreibtisch, wenn man mal doch eine Akte aufblättern muss. Aber ich glaube, dass viele Geschäftsreisende die Kombination aus einer professionellen und zugleich entspannten Hotelatmosphäre schätzen.

 

Was wünschen sich Ihrer Meinung nach Geschäftsleute von einem guten (Berliner) Hotel?

Ich glaube, dass Vielreisende froh über eine gewisse Form von Standard sind. Das bedeutet aber nicht, dass sie keinen Anspruch auf Individualität haben – denn das kann man verbinden. Natürlich kann man immer zu einer Hotelkette gehen, wo alles verlässlich gleich ist. Aber es gibt auch jede Menge Geschäftsleute, die sich wünschen, nach dem Aufwachen nicht ersten Kalender öffnen zu müssen, um zu wissen, in welcher Stadt sie sind.

 

Sie sind Ultra-Marathon-Läufer, gehen sogar regelmäßig mit Ihren Gästen gemeinsam laufen: Wie wichtig ist Ihnen der persönliche Kontakt?

Ja, gerade erst heute Morgen war ich mit Gästen laufen. Das mache ich zwei bis drei Mal im Monat. Bei Bedarf auch mehr. Mich hat es befremdet, dass einige Gäste von uns vier Tage in der Stadt sind, und nichts Anderes gesehen haben, als unseren Konferenzraum. Das fand ich schade. Und so entstand die Idee mit dem Morgenlauf: Siegessäule, Regierungsviertel oder Potsdamer Platz – so haben Tagungsgäste die Möglichkeit, wenigstens einen Teil der Stadt zu entdecken. Das Tolle: Wenn man morgens zusammenläuft und schwitzt bekommt man einen ganz anderen, sehr direkten Kontakt zu den Gästen. Man duzt sich sofort und ich erfahre viel über den Aufenthalt, die Kundenzufriedenheit und so weiter.

 

Worauf freuen Sie sich als nächstes? Persönlich und beruflich?

Beruflich freue mich darauf, dass ich für die Pandox-Gruppe eine erweiterte berufliche Verantwortung übernehme. Als Director of Operations werde ich für die weiteren Häuser in Deutschland verantwortlich sein. Es ist eine schöne berufliche Entwicklung, gemeinsam mit Pandox zu wachsen, da ich das Unternehmen sehr mag.

Privat freue ich mich auf meine nächste sportliche Herausforderung. Früher bin ich immer einmal im Jahr die 75 Kilometer beim Müritz-Lauf gemacht. Nun kommt der nächste Schritt, ich nehme beim 100 Kilometer-Lauf in Biel, im Berner Oberland teil. Es macht Spaß, sich darauf vorzubereiten. Und es ist ein Nachtlauf, der um 22 Uhr startet. Das ist etwas sehr Besonderes.

Auf einen Blick

Hotel Berlin, Berlin Adresse: Lützowpl. 17, 10785 Berlin http://www.hotel-berlin.de/de/  

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