Markus Schneider: Besuch beim Kultwinzer

Wer seinen Keller mit Weinen von Markus Schneider bestücken will, muss sich beeilen. Im kommenden Frühling dürfte ein großer Teil des aktuellen Jahrgangs ausverkauft sein. Und dieser, so verriet der Weinflüsterer unserem Autor, wird wohl zu den Besten in der 26-jährigen Geschichte seines Weinguts zählen. 

Kaum ein anderer seiner Branche kennt die Höhen und Tiefen des Geschäfts so gut wie Markus Schneider. Als er 1994 fast aus dem Nichts seine Leidenschaft zur Berufung gemacht hatte, glaubten nur seine Eltern an ihn und seine Idee. Er ließ sich davon nicht beirren – und traf die Entscheidung seines Lebens, die ihn zu einem Marketing-Genie und Neuerfinder des deutschen Rotweins in Personalunion machen sollte. Aus einem knappen Hektar wurden 95 Hektar Rebfläche.

Daher überrascht kaum, dass ihn auch die aktuelle Krise nicht aus der Fassung bringt. „Die Gastronomie tut weh, aber die Privatkunden haben sich mehr getraut“, berichtet Schneider. Und auf diese Klientel hat er von Beginn an gesetzt, fast ein  seiner Jahresproduktion von rund 800.000 Flaschen verkauft er ab Hof. Der Jahrgang 2019 ist – bis auf einen kleinen Rest – ausverkauft.

Mit den 2020er Weinen dürfte es kaum anders werden. „Ein großer Jahrgang wird Wirklichkeit“, freut sich der Pfälzer, der zwischenzeitlich den größten Teil der diesjährigen Ernte hinter sich hat. Seine Reben blieben nahezu vom Frost verschont, während die Hitze den Pflanzen nicht ganz so stark zusetzte wie 2018.

„Das Uhrwerk läuft wie geschmiert“

Im vergangenen Jahr feierte er im kleinen Kreis das 25-jährige Bestehen seines Weinguts – für ihn ein „emotional wichtiges Etappenziel.“ Seinen Betrieb sieht er top aufgestellt. „Das Uhrwerk läuft wie geschmiert“, sagt Schneider in der ihm eigenen Zurückhaltung. Er ist ganz der ‚Pälzer Bu’ aus dem 2400 Seelenörtchen Ellerstadt geblieben. Verbale Höhenflüge sind ihm fremd – auch, wenn er allen Grund dazu hätte. Zum Beispiel zu berichten, dass er zum viergängigen Dinner von Kanzlerin Angela Merkel mit dem Barack Obama beim bislang letzten Deutschland-Besuch eines amtierenden US- Präsidenten im Juni 2013 gleich zwei Weine beisteuern durfte: seinen Sauvignon Blanc „Kaitui“ (was in der Sprache der Maori so viel bedeutet wie Schneider) und einen Weißburgunder. Oder dass er Günther Jauch bei dessen Kauf des Weinguts von Othegraven beriet.

Viel lieber lobt er sein gutes Team, das einschließlich Familie 30 Mitarbeiter/innen umfasst. Einige arbeiten seit vielen Jahren für ihn. Er hat es geschafft, sie zu motivieren und kann sich blind auf sie verlassen, auch wenn er nicht im Betrieb ist. Seine Gabe, alles mit einer positiven Grundhaltung anzugehen, hilft ihm auch im Umgang mit den Corona-Einschränkungen. Reiste er bislang an 100 Tagen im Jahr um den Globus, betrachtet er sich mittlerweile als glücklich, in der Pfalz zu bleiben. Die erzwungene Entschleunigung tut auch einem Rastlosten gut.

Von der Pfalz in die Welt

Was ihm in diesen Zeiten fehlt, ist der Fußball, der sein Leben abseits des Weins bestimmt. Im vergangenen Jahr drückte er beim Champions League-Finale zwischen dem FC Liverpool und Tottenham Hotspur den ‚Reds‘ die Daumen. Ein von Stürmerstar Mo Salah und Welttrainer Jürgen Klopp signiertes Trikot hängt neben dem Leibchen, das er vom WM-Finale in Rio 2014 mitgebracht hat – signiert von sämtlichen deutschen Spielern. Als waschechter Pfälzer schlägt sein Herz für den 1. FC Kaiserslautern, dem er von der deutschen Meisterschaft bis zum Abstieg in die Drittklassigkeit treu geblieben ist: „Ich bin Mitglied beim 1. FCK, das kostet mich viele Nerven.“

Markus Schneider: Kultwinzer und Fußballfan

Ebenso vermisst er die Reisen zu seinem Freund Danie Steytler vom südafrikanischen Familienweingut Kaapzicht in Südafrika, mit dem er sein erstes Joint-Venture bildete. „Three Days on Skins“, heißt die 2018er Pinotage aus Jahrzehnte alten Bush Vine-Reben. „Die Idee bei war es, einen gänzlich neuen Pinotage-Stil zu schaffen“, so Schneider. Die Trauben wurden viel früher geerntet als sonst und nicht von den Stielen getrennt. Die Reifung erfolgte in alten deutschen Riesling Fässern. Das Ergebnis: Ein Tropfen voller Opulenz und Lebenslust. Danie Steytler ist einer von vier Gefährten, die für sein Label „Schneider Collection“ stehen. Zusammen bilden sie gleichsam eine Cuvée aus Kreativ-Köpfen der internationalen Weinszene.

Den großen portugiesischen Weinmacher Dirk Niepoort besuchte er erstmals zu Beginn des neuen Jahrtausends im Douro-Tal. Schon damals war ihm klar: „Dirk, lass uns irgendwann einmal einen Wein zusammen machen.“ Aus ‚irgendwann‘ wurde 2017. Im März flog er noch einmal zu seinem Freund, bevor ihn der Lockdown zum Innehalten zwang. ‚Francelina‘, heißt eine der gemeinsamen Preziosen, benannt nach dem 400 Meter über dem Douro thronenden, mit über 80 Jahre alte wurzelechten Reben bestockten Weinberg von ‚Senhora Francelina.‘ Ein Wein an der Spitze der Schneider’schen Produktpalette, von großer Eleganz, den er selbst als ‚burgundisch‘ charakterisiert.

Markus Schneider: „Ein Leben vor dem Wein gab es nicht“

Nomen est Omen lautet die Devise auch beim „Pegadas 20 Years Old Tawny Port“, zu Deutsch Fußabdrücke. Die Trauben wurden vor 20 Jahren geerntet, traditionell mit den Füßen in Granitsteinbecken gestampft und darin vergoren. Bis zur Abfüllung reifte der Wein in den Niepoort-Höhlen in Vila Nova De Gaia, um vor der finalen Füllung als Masterblend mit einem kleinen Anteil eines Tawyn aus dem 19. Jahrhundert geadelt zu werden. Das Quartett der Winzerfreunde vervollständigen Philipp Kettern und Niepoort-Filius Daniel in Leiwen an der Mosel. Der Josefsberg liegt weit weg von der Mosel und bekommt den kalten Wind vom Hunsrück ab. Die nach dieser Lage benannte 2018er Riesling Spätlese überzeugt mit ihrem harmonischen Spiel von Süße und knackiger Säure. Ein finessenreicher, hocheleganter Wein.

„Ein Leben vor dem Wein gab es nicht“, blickt Markus Schneider bestens gelaunt zurück. Heute ist er 45 Jahre alt – und hat noch viel vor. Einen Traum für den noch allzu fern scheinenden Unruhestand hegt der Wein-Visionär schon heute: Mit seiner weinbaustudierten Frau Caroline ein Hektar Reben bewirtschaften – mit einem guten Fass Wein im Keller. Ein Leben nach dem Wein könnte man sich bei einem Vollblutwinzer seines Schlages auch nur unter Schmerzen vorstellen.

 


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