Strandhotel Ostseeblick Wehrmann Interview

Zwischen Meer und Moderne: Interview mit Lisa Wehrmann vom Strandhotel Ostseeblick

© Theresa Lange

Lisa Wehrmann ist im Hotel groß geworden – zwischen Gästen, Geschichten und dem stetigen Rauschen der Ostsee. Heute führt sie das traditionsreiche Haus mit einem klaren Blick für zeitgemäßen Luxus, nachhaltige Konzepte und persönliche Gastfreundschaft. Im Gespräch mit THE FREQUENT TRAVELLER erzählt die Geschäftsführerin des Strandhotels Ostseeblick über Rückkehr, Verantwortung und ihrer Vision von „Conscious Luxury“.

Sie sind praktisch im Hotel aufgewachsen – wie war es, zwischen Gästen und Meer groß zu werden?

Es war eine sehr besondere Kindheit. Das Hotel war für mich nie nur ein Arbeitsplatz meiner Eltern, sondern ein lebendiger Ort voller Geschichten, Menschen und Stimmungen. Ich habe früh gelernt, wie unterschiedlich Gäste sind und wie wichtig kleine Gesten sein können. Gleichzeitig war das Meer immer direkt vor der Tür – das hat eine große Freiheit gegeben. Nach der Schule schnell an den Strand, Sonnenuntergänge auf der Seebrücke, diese Naturverbundenheit prägt einen sehr.

Sie haben in Neuseeland, Berlin und im Luxussegment gearbeitet. Was hat Sie zurück nach Usedom gezogen?

Nach einigen Jahren unterwegs merkt man, wo die eigenen Wurzeln sind. Die Erfahrungen im Ausland und in Berlin waren unglaublich wertvoll, aber irgendwann entstand der Wunsch, wieder nach Hause zu kehren und hier die gewonnene Perspektive mit einzubringen. Usedom hat eine besondere Energie, die Kombination aus Natur, Ruhe und Gastfreundschaft. Mir wurde klar, dass ich hier wirklich etwas gestalten kann.

Wann wussten Sie, dass Sie wirklich in den Familienbetrieb einsteigen möchten?

Das war kein einzelner Moment, sondern eher ein Prozess. Während meiner Zeit außerhalb der Insel habe ich gemerkt, dass ich langfristig am liebsten in einem Umfeld arbeiten möchte, das mir persönlich sehr nah ist. Der Gedanke, die Geschichte des Hauses weiterzuführen und gleichzeitig neue Impulse zu setzen, hat mich schließlich gepackt und nicht mehr losgelassen. Überzeugen musste ich dann allerdings noch meine Eltern. Ihnen war wichtig zu sehen, dass ich diesen Schritt bewusst gehe und mich intensiv damit auseinandergesetzt habe. Für mich war es entscheidend, ihnen genau das zu zeigen – dass es kein spontaner Entschluss war, sondern ein gut überlegter und was ich mitbringe, auch ohne klassische Ausbildung in der Hotellerie.

Was macht das Strandhotel Ostseeblick für Sie besonders?

Die Lage direkt an der Ostsee ist natürlich einzigartig, aber es ist mehr als das. Das Haus hat über viele Jahre eine sehr persönliche Atmosphäre entwickelt. Viele Gäste kommen immer wieder, teilweise seit Jahrzehnten, und fühlen sich fast wie ein Teil der Familie.

Darüber hinaus entwickeln wir das Haus immer weiter, sanft, aber deutlich. Damals war es das erste Haus mit Wellnessbereich. Vor einigen Jahren haben wir diesen Bereich komplett saniert und modernisiert. Wir wollen Vorreiter sein und bleiben gleichzeitig unseren Werten treu. Diese Verbindung aus Herzlichkeit, Qualität, Innovation und visionärem Denken und der unmittelbaren Nähe zur Natur macht den besonderen Charakter aus.

Strandhotel Ostseeblick Wehrmanns

Wie hat Ihre Zeit im Luxus- und Retailbereich Ihren Blick auf Gastfreundschaft verändert?

Luxus und Service sind eine Frage der Details. Ich folge dabei einem modernen Verständnis von Luxus, das weniger auf Opulenz setzt als auf Aufmerksamkeit, Qualität und Authentizität. Ein guter Gastgeber erkennt Bedürfnisse, bevor sie ausgesprochen werden. Gleichzeitig habe ich im Retail gelernt, wie wichtig eine klare Markenidentität und ein stimmiges Erlebnis für Gäste sind.

Heute versuche ich, beides zu verbinden: echte, persönliche Gastfreundschaft und ein durchdachtes Gesamterlebnis. Im Strandhotel Ostseeblick leben wir deshalb „Conscious Luxury“ – einen sehr bewussten Umgang mit Ressourcen, Qualität und Zeit. Es geht darum, Gästen Raum zum Ankommen zu geben, mit hochwertigen Materialien, einer klaren Ästhetik und einer Atmosphäre, die Ruhe und Wertigkeit ausstrahlt. Luxus bedeutet für uns nicht Überfluss, sondern Achtsamkeit – gegenüber den Gästen, der Umgebung und dem, was einen Aufenthalt wirklich besonders macht.

Der preisgekrönte Wellnessbereich entstand während des Lockdowns – wie kam es zu diesem Projekt?

Der Lockdown war für viele Hotels eine schwierige Zeit, aber er hat auch Raum geschaffen, Dinge neu zu denken. Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, was Wellness für uns bedeutet, wie es in unserem Haus umgesetzt wird. Die Basis ist „MEERness“, unser markenrechtlich geschütztes Konzept, in dessen Mittelpunkt die Verbindung aus Gesundheit, Erholung und die natürliche Kraft der Ostsee steht, die Verbindung maritimer Elemente mit regionalen Naturschätzen. Die Marke ist ganzheitlich gedacht, der „MEERness Spa“ die konsequente Umsetzung im Wellnessbereich. Im Zuge der Modernisierung und Sanierung wollten hier architektonisch und im gesamten Ambiente noch stärker einen Ort schaffen, der die besondere Atmosphäre der Ostsee widerspiegelt – ruhig, natürlich und entschleunigend.

Wie erleben Sie die Rolle von Frauen in Führungspositionen in der Hotellerie?

Die Branche ist eigentlich sehr vielfältig, und viele Frauen arbeiten in verantwortungsvollen Positionen. Trotzdem sind Führungsrollen, gerade auf Eigentümer- oder Geschäftsführungsebene, oft noch männlich geprägt. Ich erlebe aber auch, dass sich das langsam verändert, hier ein Prozess angestoßen ist und immer mehr Frauen, auch junge Frauen, ihren eigenen Führungsstil einbringen können – insbesondere in Familienbetrieben.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich für Frauen in der Branche?

Mehr Sichtbarkeit und mehr Selbstverständlichkeit. Es sollte normal sein, dass Frauen Hotels führen, Unternehmen aufbauen oder strategische Entscheidungen treffen. Solange es noch als große Nachricht oder Schlagzeile gilt, wenn eine Frau an der Spitze steht, zeigt das, dass wir gesellschaftlich noch einen Weg vor uns haben. Gleichzeitig sind flexible Arbeitsmodelle entscheidend, um Karriere und Familie besser miteinander vereinbaren zu können. Das gilt übrigens unabhängig von klassischen Rollenbildern – gerade für unsere Generation, in der Familien meist als Doppelverdiener organisiert sind oder sein müssen.

Gibt es eine Frau oder Persönlichkeit, die Sie besonders inspiriert hat?

Tatsächlich meine Mutter und die Frauen in meiner Familie. Sie alle verbindet ein ausgeprägter unternehmerischer Geist und der Mut, ihre Ziele konsequent zu verfolgen, unabhängig von gesellschaftlichen oder politischen Herausforderungen.

Ihr perfekter freier Tag auf Usedom – wie sieht er aus?

Ich beginne den Tag früh mit einer Pilates-Einheit und Blick auf das Meer. Bei warmen Temperaturen vielleicht noch eine Runde schwimmen und anschließend einen frischen Smoothie genießen, während ich mit meinem Hund ausgiebig spazieren gehe. Die Stimmung am Meer, wenn der Tag gerade erst erwacht und noch kaum jemand unterwegs ist, hat auf Usedom etwas fast Magisches. Wenn mir der Sinn nach Bewegung steht, würde ich mit meinem Mann eine Fahrradtour über die Insel planen, mit kleinen Zwischenstopps bei unseren kulinarischen Partnern. Ganz frei ist der Kopf im Familienbetrieb einfach selten, aber es gibt definitiv Schlimmeres als nette Begegnungen und die eine oder andere kulinarische Kostprobe. Nach einer Spiel- und Gassieinheit mit meinem Hund, lasse ich den Abend dann mit Freunden bei einem guten Essen ausklingen – und mit dem Blick auf den Sonnenuntergang über der Ostsee.

Die gemeinsame Zeit mit meinem Mann, meinem Hund und meinen Freunden kommt im Alltag manchmal etwas zu kurz, weshalb ich es umso mehr genieße, diese Stunden bewusst und voller Freude auszukosten.

Was bedeutet für Sie persönlich Luxus?

Luxus ist für mich Zeit. Zeit für Kreativität, Zeit für Gesundheit, Zeit für Kontakte. Die Zeit zu haben, sich ganz auf eine Sache einzulassen, einen Gedanken weiterzuverfolgen, eine Idee umzusetzen, ein tiefes Gespräch zu führen und bewusst in die eigene Gesundheit zu investieren – durch Bewegung, gute Ernährung und mentale Balance.

Wenn Sie Ihr Hotel in drei Worten beschreiben müssten – welche wären das?

Persönlich. Inspirierend. Ostsee.

Liebe Lisa, vielen Dank für das tolle Gespräch!


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