Wer glaubt, im Zigarrenhandel gehe es um bequeme Meetings im klimatisierten Büro, der irrt gewaltig. Sebastian Gollas, Gründer von Starke Zigarren, verbrachte seine Oktober- und Novembertage zwischen dampfenden Tabakfeldern, staubigen Manufakturen und nächtlichen Flughäfen. Während andere Unternehmer ihre Produkte am Telefon ordern, stand er knietief in mittelamerikanischer Erde und suchte nach dem perfekten Blend. Die Regenzeit ist normalerweise keine Zeit für Zigarrenreisen, aber manchmal muss man eben gegen den Strom schwimmen.
Die Geschichte beginnt in Berlin, wo Gollas gerade sein Ladengeschäft in der Pariser Straße für längere Zeit hinter sich lässt. Keine Lust mehr zu reisen, sagt er noch im Oktober. Seit März ist er unterwegs, von Messe zu Manufaktur, von Event zu Plantage. Doch das Portfolio für 2026 wartet nicht. Also packt er wieder die Koffer. Frankfurt am Main, Nachtflug, Panama City um zwei Uhr morgens. Die Stadt liegt wie tot da, gespenstisch leer in der tropischen Hitze. Ein paar Stunden Schlaf, dann geht es weiter. Nicht wie geplant direkt nach Nicaragua, sondern erst nach Kolumbien. Die Inhaber von Tabacos de Costa Rica sind noch nicht zurück, also wird die Route spontan umgeschmissen. Wer in diesem Geschäft nicht flexibel ist, hat schon verloren.
Geschäfte macht man am Strand – Fünf Tage mit Victor Calvo
Nicaragua empfängt ihn mit Victor Calvo. Fünf Tage sind angesetzt, aber die beginnen erst mal am Strand. Während in Deutschland der Herbst Einzug hält, baut Victor Calvo sein Strandhaus in Playa la Redonda an der Pazifikküste. Zwischen Baustellenlärm und Meeresrauschen werden trotzdem Geschäfte besprochen. Man kennt das hier anders als in Europa. Geschäfte macht man nicht im sterilen Konferenzraum, sondern dort, wo das Leben pulsiert. Ein Abend bei Rancho Santana, einer kolonialen Finca, wo AJ Fernandez einst seine Hochzeit feierte, bringt mehr Erkenntnisse als drei Stunden Powerpoint-Präsentation.
Ab Montag wird es dann ernst in Estelí. Die Stadt, die vielen Zigarrenliebhabern ein Begriff ist, zeigt sich in der Regenzeit von ihrer ungeschminkten Seite. Die Straßen sind aufgeweicht, die Luftfeuchtigkeit drückend, aber die Zigarren sind perfekt. Hier soll die XX Viginti 20 Years entstehen, eine limitierte Edition mit dunklem Deckblatt, die zwei Jahrzehnte Starke Zigarren feiern soll. Und dann das Leipziger Nachtstück, eine Sonderedition exklusiv für den neuen Laden in Leipzig. Gollas verkostet sich durch das Sortiment, notiert, vergleicht, verwirft wieder. Ein Blend ist wie ein Puzzle, bei dem jedes Teil stimmen muss. Zu viel Ligero und die Zigarre wird zu stark, zu viel Volado und sie verliert an Charakter. Stundenlang sitzen er und Victor Calvo zusammen, rauchen, diskutieren, experimentieren.
Am letzten Tag in Estelí tauchen drei Männer aus Honduras auf. Jake Wyatt Cigars will nach Deutschland. Neil Garcia, ehemaliger Baseballprofi und Markeninhaber, Roberto Argueta, der Fabrikbesitzer, und ein dritter Vertreter setzen sich zusammen. Die Verhandlungen laufen gut, zu gut vielleicht. Gegen Abend fühlt sich Gollas plötzlich merkwürdig. Schwindelgefühl, Frieren, Kopfschmerzen. Er schiebt es auf die Hitze, auf zu viele Zigarren, auf zu wenig Schlaf. Doch das Thermometer lügt nicht. Um halb eins in der Nacht sitzt er im Auto nach Managua, dreizehn Stunden Reise vor sich, über San Salvador nach Bogotá. Dengue-Fieber, wie sich herausstellen wird. Die Mosquitos in Mittelamerika kennen keine Gnade.
Vier Tage Fieber in Medellín
Juan Camilo Rodriguez, der Gründer von Bribón Cigars, holt ihn vom Flughafen ab. Party machen, essen gehen, Bogotá erleben, schlägt er vor. Doch Gollas schafft es gerade noch ins Hotel, neunzehn Stunden Schlaf am Stück. Die Weiterreise nach Medellín wird zum Albtraum. Mit Fieber und Schüttelfrost läuft er im Daunenanorak durch die Stadt, während draußen 28 Grad herrschen. Die Lausbuben von Bribón Cigars, bekannt für ihre Lebensfreude und Partyexzesse, müssen auf ihren deutschen Partner verzichten. Erst am letzten Tag nimmt das Fieber ein Ende. Dann wird nachgeholt, was vier Tage lang unmöglich war. Händler besuchen, Bier trinken, Zigarren rauchen. Das Leben kehrt zurück.
Costa Rica ist die nächste Station. Felipe von Tabacos de Costa Rica holt ihn in San José ab. Puriscal, eine alte Tabakregion, die heute fast vergessen ist. Gollas war schon im April hier und war beeindruckt von der Tabakqualität. Jetzt geht es ans Finetuning. Mit Felipe und Andrés probiert er sich durch unzählige Blends. Jede Zigarre schmeckt fantastisch, jede auf ihre eigene Art. Der Rauch ist cremig, die Tabake ausgewogen, die Aromenvielfalt immens. Hier könnte Aureum Cigars entstehen, eine neue Eigenmarke. Die drei sitzen zusammen, rauchen, diskutieren, notieren. Ein Blend entsteht nicht am Computer, sondern durch geduldiges Ausprobieren. Welches Deckblatt harmoniert mit welcher Einlage? Wie wirkt sich der Umblatttyp auf das Brennverhalten aus? Fragen über Fragen, die nur durch Erfahrung und Intuition beantwortet werden können.
Tamboril: Das Herz der dominikanischen Zigarrenindustrie
Schließlich die Dominikanische Republik. Nach all den Entdeckungen in Nicaragua, Kolumbien und Costa Rica wirkt die Reise in die Karibik fast überflüssig. Was soll da noch kommen? Doch wer so denkt, hat die Zigarrenwelt nicht verstanden. Von Puerto Plata geht es nach Tamboril, dem Zentrum der dominikanischen Zigarrenindustrie. Die meisten Manufakturen liegen in Zonas Francas, zollfreien Zonen für den Export. La Aurora, Blackbird Cigar Co., schwer zugänglich für normale Besucher. Aber Gollas hat seine Kontakte.
Jonas Santana von Blackbird Cigar Co. hat die Kisten im Meeting-Raum nach Farbe sortiert. Er erklärt sein Konzept: Für jeden Geschmack etwas dabei, von mild bis kräftig. Das Markenzeichen sind besondere und teils seltene Deckblätter. 1,4 Millionen Zigarren im Lager, mittlerweile ein mittelgroßer Anbieter in der Dominikanischen Republik. Gollas macht Notizen, verkostet, vergleicht. Die Cuco mit Arapiraca-Deckblatt aus Brasilien ist besonders interessant.
Bei DBL Zigarren, nur einen Fußmarsch entfernt, trifft er Francisco Almonte. Der Dominikaner hat aus der Not eine Tugend gemacht und eine Zigarrenlounge in seine Fabrik integriert. Im ersten Stock wird gerollt, unten fermentieren und reifen Pilones und Trojas. Der Geruch ist betörend, erdig, süßlich, intensiv. Esteban von Coamsa SA ist zu Besuch, ein Agrarökonom, der mit Mikroorganismen und Algen die Bodenqualität auf Tabakplantagen verbessert. Francisco arbeitet nur noch mit Naturdünger, erzählt er stolz. Die Pflanzen bilden mehr kleine Wurzeln und nehmen die Nährstoffe besser auf. Neue Projekte in Mexiko, El Salvador und Ecuador sind geplant. Die Zigarrenwelt ist klein, aber global vernetzt.
Am letzten Tag kommt Sylvio Buchschatz nach Puerto Plata. Ein deutscher Zigarrenproduzent in der Dominikanischen Republik, seit 1999. Ursprünglich aus Leipzig, heute in Punta Cana lebend. Seine De Leon Zigarren hatten Top-Bewertungen in Russland, doch der Markt ist mit dem Ukrainekrieg weggebrochen. Keine Flüge mehr, keine Geschäfte mehr. Mit 62 Jahren übergibt er langsam das Geschäft an seine beiden Söhne. Die klassische Serie mit oranger Banderole und die Etiqueta Negra sind seine Bestseller in Deutschland. Die beiden sitzen zusammen, reden über die alten Zeiten, über die Zukunft der Branche, über Leipzig. Ein Rum nach Feierabend, so entstehen die besten Geschäfte.
Vertrauen aufbauen dauert Jahre. Man kann nicht einfach anrufen und eine Bestellung aufgeben. Die Produzenten wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Sie wollen sehen, dass man ihre Arbeit respektiert, dass man versteht, wie ein Blend entsteht, wie lange Tabak reifen muss, welche Herausforderungen die Regenzeit mit sich bringt. Gollas hat das gelernt. Nicht im Seminar, sondern durch ungezählte Reisen, durch Dengue-Fieber, durch durchgemachte Nächte, durch tausende verkostete Zigarren. Er weiß, dass ein guter Blend nicht am Schreibtisch entsteht, sondern in der Manufaktur, im Gespräch mit dem Rollmeister, beim gemeinsamen Rauchen nach getaner Arbeit.
Die Reise endete im November, wie sie begann. Erschöpft, aber mit vollen Notizbüchern. Neue Blends sind im Werden, neue Partnerschaften geschlossen, alte Freundschaften vertieft. Wenn die ersten Zigarren in Berlin ankommen, werden die Kunden nicht ahnen, welche Geschichte dahintersteckt. Sie werden eine Zigarre anzünden, den ersten Zug nehmen, die Aromen auf der Zunge zergehen lassen. Und vielleicht, ganz vielleicht, schmecken sie ein bisschen von dieser Reise. Von der Pazifikküste Nicaraguas, vom Fieber in Medellín, vom Finetuning in Puriscal, von den Gesprächen in Tamboril. Das ist der Unterschied zwischen einem Händler, der Ware ordert, und einem Scout, der nach dem perfekten Blend sucht. Der eine sitzt am Computer, der andere stand im Tabakfeld. Auch wenn er eigentlich keine Lust mehr hatte zu reisen.