Digitales Fasten

Digitales Fasten: Einfach mal Abschalten

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Der Trend zur Netzaskese wird immer größer: Digitales Fasten ist gerade für gestresste Manager und Managerinnen ein kleines Wundermittel, um – im wahrsten Sinne des Wortes – endlich mal wieder gänzlich abschalten zu können. Dabei machen einige Unternehmer und Hotels digitales Fasten sogar zu einem Geschäft: Doch was ist dran am Verzichtstrend? Und hilf digitales Fasten in der Freizeit wirklich zu mehr Effizienz?

In Zeiten der rasanten Digitalisierung, in Zeiten von Instagram und Snapchat, von der totalen Darstellung der eigenen Person, entwickelt sich bei vielen Nutzern eine nahezu biedermeierische Sehnsucht nach Ruhe und Privatheit. Der Begriff digitales Fasten ist dabei all jenen ein Begriff, die in ihrem Job nahezu jederzeit erreichbar sein müssen. Geprägt wurde der Begriff 2012 von Levi Felix und Brooke Dean in Kalifornien: Die beiden Unternehmer stellten ein Suchtverhalten bei sich fest und schufen Erholungscamps im Herzen der Digitalwirtschaft – im Silicon Valley. Dort lernten die Teilnehmer, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und zur Ruhe zu kommen. Ohne Alkohol, ohne Smartphone – dafür mit Yoga, Sport, gesunder Ernährung, Briefpapier und Schreibmaschine.

„Wenn in einer Studie etwa 40 Prozent der Befragten angeben, abends mit dem Smartphone ins Bett zu gehen und morgens als erstes danach greifen, ist das ein Alarmzeichen“, erklärt Christian Montag, Suchtforscher an der Universität Ulm gegenüber dem SPIEGEL. Daher empfehle der Forscher zu einer Digital-Detox-Phase. Zum Beispiel im Urlaub: Denn gerade in der freien Zeit will eine stetig wachsende Zahl von Menschen nicht nur den Kopf, sondern auch ihre Mobilgeräte abschalten. Für das kuratierte digitale Fasten muss man nicht einmal in das kalifornische Erholungscamp fahren. Eine Fahrt in die Schweiz oder ins Allgäu genügt. Dort befindet sich beispielsweise das Belle-Epoque-Hotel Rosenlaui im Berner Oberland. Dort nächtigt man in Antiquitäten-Betten, es gibt ein Münztelefon, aber weder Fernsehen noch Radio und nicht einmal fließendes Wasser auf den Zimmern. Auch im Fünf-Sterne-Designhotel vigilius mountain resort in Südtirol wird digitales Fasten zelebriert. Zum Hotel gelangt man nur per Seilbahn. Die fernsehfreien Zimmer werden nachts vom WLAN abgekoppelt, damit der Elektrosmog die Nachruhe nicht stört. Die Hubertus Alpin Lodge & Spa in Balderschwang im Allgäu lässt den Gästen die Wahl: Wer das Funkstille-Paket bucht, verzichtet unter anderem auf das mobile Endgerät.

Doch was ist der Vorteil von der digitalen Entsagungstrend?

Die positiven Folgen einer freiwilligen Info-Diät sind vielseitig. So widmeten sich bereits 2010 die Journalisten Alex Rühle und Christoph Koch einer vollständigen digitalen Fastenzeit. Wörterbücher und die Auskunft beispielsweise ziehen wieder in den Alltag ein. Auch bemerkten die beiden Journalisten, dass sie wieder pünktlicher sind, da die Standard-SMS „Komme fünf Minuten später“ nicht versendet werden konnte. Und man gewinnt Zeit. Sehr viel Zeit.

Auch seelische und körperliche Folgen hat das digitale Fasten: Während des „Entzugs“ hatten die beiden Journalisten noch „tinnitusartige Echos von iPhone-Gebimmel oder phantomschmerzähnliche, jedenfalls eingebildete Vibriergefühle in der Hemdtasche, wo mal der Blackberry war“, schreibt DIE WELT. Doch das geht vorbei. Stattdessen stellten die beiden Männer fest, dass die Angst, etwas zu verpassen, durch digitales Fasten verloren geht. Und ja, dass sogar Langeweile entsteht. Auch die Produktivität im Büro soll, so sind sich viele Vertreter der Internet-Diät sicher, steigert sich. Denn: Wer im Urlaub gelernt hat, komplett abzuschalten, weiß, dass es auch ohne geht – und  hegt daher während der Arbeitszeit weniger den Drang, das Smartphone zur Hand zu nehmen und Snapchat & Co. zu checken.

Wie geht digitales Fasten im Alltag?

„Der erste Schritt ist, sich darüber bewusst zu werden, dass ich eine exzessive Nutzung habe“, erklärt Ulrike Stöckle, die Seminare zum Medienverzicht gibt, im Gespräch mit Deutschlandfunk. Die meisten nutzen ihr Smartphone zwischen zweieinhalb und sechseinhalb Stunden. Allerdings nicht um zu telefonieren, sondern in der Regel, um andere Dinge zu tun. Die meisten exzessiven Nutzer greifen aus Langeweile zum Smartphone – auf der Arbeit sogar im Durchschnitt alle 17 Minuten.

Wenn Sie sich wirklich auf eine Aufgabe konzentrieren wollen, ist der Flugmodus Ihres Smartphones Ihr bester Freund. Legen Sie das Gerät außerdem außer Sichtweite von Ihrem Schreibtisch und nehmen Sie es erst wieder zur Hand, wenn Sie Ihr gesetztes Arbeitspensum erreicht haben

Was paradox klingen mag, ist ganz schön effektiv: Mit Smartphone-Apps wie „Moment“ oder „Forrest“ können Sie Ihren Online-Konsum überwachen. Während die eine App deutlich macht, wie viel Zeit Sie am Tag tatsächlich mit Ihrem Handy in der Hand verbringen, pflanzt zweitere einen virtuellen Baum, sobald man die App aktiviert. Sobald das Programm länger als zehn Minuten verlassen wird, stirbt der Baum. Und wer will das schon als umweltbewusster Mensch verantworten

Digitales Fasten: Nicht immer möglich

Allerdings: Sich gänzlich offline durch unsere Welt zu bewegen, ist wohl kaum möglich. Das stellten auch die beiden Journalisten Alex Rühle und Christoph Koch. Der eine musste das Experiment abbrechen, da dem Freiberufler sonst langfristig seine Auftraggeber verschreckt hätte. Der andere konnte lediglich ein halbes Jahr ohne Smartphone & Co. zurecht kommen, da er sich besonders viele Urlaubstage nahm und zudem freundliche Kollegen hatte, die ihm durch die Dürrephase halfen. Die vollständige digitale Entsagung ist also nur etwas für Arbeitgeber oder Prominente. Alle anderen sollten nur Urlaub vollkommen abschalten und ihre Smartphones im Alltag zumindest ab und an beiseite legen. Ein Versuch ist es wert.


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